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Unholde, Elfen, Geister und Trolle
#1
Auf dem Weg in den Borgarfjord kommt in der Bucht von Njarðvík kurz vor Landsendi (wie passend) rechter Hand ein Rinnsal den Felshang runter. Da habe ich bisher jedesmal beim vorbeikommen meine Wasserflasche aufgefüllt. Im Juli ist das leckeres Wasser. Im Juni schmeckt es noch richtig nach Schnee. Toll.

Ganz in der Nähe steht ein Holzkreuz mit Inschrift.
EFFIGIEM CHRISTI QUI TRANSIS
PRONUS HONORA
ANNO MCCCVI


[Bild: 36973928pn.jpg]

"Das Bild Christi, Vorbeiziehender, Ehre demütig. Anno 1306“

Das Kreuz steht zum Gedenken an Jón Bjarnason aus Njarðvík, der hier den Troll Naddi erschlagen hat.

Die Straße führt hier kurvig durch Geröll und Schotterhänge weit über der Küste entlang. Hier soll in früheren Zeiten so mancher Wanderer verloren gegangen sein. Daran war aber wohl nicht nur der unwirtliche Weg schuld - an der Strecke stehen selbst im Sommer (vorsorglich) Planierraupen, Bagger und ähnliches, oft liegt großes Geröll im Weg - sondern auch ein Unhold, der Troll Naddi, oben von Menschengestalt, untenrum Tier, der in einer der Höhlen unten am Meer lebte. Die Höhle heißt Naddagil. Wenn die Nächte länger wurden soll er sich dem ein oder anderen Wanderer in mörderischer Absicht angenommen haben.

Mit dem guten Jón hat er sich dann aber übernommen und das Ganze ist schnell erzählt.

Jón Bjarnason, der in Njarðvík lebte, war im Herbst auf dem Heimweg aus dem Borgarfjord. Bei Einbruch der Dunkelheit kam er an Snotrunes, dem Hof auf der Landzunge in dem für einige Zeit die Elfenfrau Snotra lebte und so zur Namenspatronin des Hofes wurde, vorbei. Die Leute auf dem Hof baten ihn zu bleiben und nicht das Risiko einzugehen, den gefährlichen Weg bei Nacht zu gehen.
Jón war aber der Meinung, dass ihm der Weg leicht fallen würde und wurde natürlich kurz hinter Naddagil von dem Unhold angegriffen. Jón hat Naddi aber nichts geschenkt und die beiden prügelten sich lang und ausgiebig gegenseitig über Stock und Stein. So ging es durch den Schotter und über das Geröll. Schlussendlich hat Naddi sich dann den Abhang hinab geflüchtet und wollte sich teils hinkend, teils kriechend von dannen trollen. Bei Krossjaðar, dem Abgrund, hat Jón Naddi dann aus den Augen verloren. Der Troll soll dort ins Wasser geflüchtet sein und wurde nie wieder gesehen. An eben der Stelle wurde später das Kreuz errichtet.
Jón hat sich grün und blau geprügelt Nachhause geschleppt. Es soll einen Monat gedauert haben bis er wieder auf den Beinen war.

Die Geschichte ist mir deshalb so gut im Gedächtnis geblieben, weil Opa Willi in den Siebzigern auf‘m Weg von der Zeche zum Feierabend Bierchen dasselbe passiert ist. Der Troll hieß halt nicht Naddi sondern Koslowski - was aber nix geholfen hat; Oma hat ihm die Story nicht abgekauft. Und das nur, weil er beim Nachhausekommen die Treppe raufgefallen ist und ein bisschen nach Samtkragen und Stauder gerochen hat. Such is Life Wink
Glukáf, Helge
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#2
nette Geschichte, auch die von Opa Willi. Big Grin
          In einem Adler steckt die ganze Weisheit der Welt
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#3
Grade bei den isländischen Geistern kann es ja schon mal ganz schön blutrünstig zugehen. Wenn ich nur an Grýla denke, die kleine Kinder bei lebendigem Leibe verspeist. Hua, da gruselt ‘s mich gleich selbst. Also, bevor es hier demnächst Ärger mit aufgebrachten Eltern gibt, hier der kleine Hinweis:

[Bild: Parental_Advisory_label.svg]
RIAA [Public domain]

Bitte lest alles, was hier verzapft wird, BEVOR ihr es euren Kindern zum Fraß vorwerft!  Wink
Glukáf, Helge
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#4
den Link ?/ Film ? kann ich leider nicht sehen.....
          In einem Adler steckt die ganze Weisheit der Welt
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#5
Hallo Simone, Du meinst bestimmt den Link unter dem Parental Advisory Schild.
Das Bild habe ich aus der Wikimedia Commons und der Link (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:..._label.svg) sollte eigentlich die entsprechende Wiki Seite aufrufen. Wenn er bei Dir nicht funktioniert hast Du also nix wichtiges verpasst Wink
Glukáf, Helge
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#6
Bei mir ging zwar mit dem Link eine Seite auf, aber damit kann ich auch nicht viel anfangen... Huh
Láttu drauma þína rætast Wink
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#7
Im letzten Jahr, passend zu Halloween, habe ich mich zum ersten Mal hingesetzt und eine isländische Geistergeschichte nacherzählt. Na und da schau her, ich hab‘ sie wiedergefunden. Wer Spaß dran hat sie nochmal zu lesen, bitteschön:
Freunde haben sich als Mitbringsel isländisches Bier gewünscht. In der Vínbúðin in Selfoss bekam ich zu dem Móri Bier

[Bild: 36990360ak.jpeg]

dann folgende Geschichte mit auf den Weg:
Vor langer Zeit hat der Geist Móri in Südisland Unterkunft gesucht. Mit seinem Abgetragenen Mantel, dem großen Schlapphut und der zerlumpten Hose aber, war er ein so unansehnlicher Kerl, dass ihn niemand des Abends an seinem Tisch zu Gast haben wollte. Geschweige denn einen Gedanken daran zu verschwenden ihm einen Schlafplatz anzubieten.
So zog Móri weiter durch die Gegend, bis auch seine Schuhe zerlumpt und verschlissen waren. Mit blutenden Füßen lief er von Hof zu Hof, doch nirgendwo fand er Unterschlupf. Als seine Beine bis zu den Knien abgelaufen waren, wurde er so wütend, dass er sich Nachts in den Windfang der Wohnhäuser schlich, und die Schnürsenkel unterschiedlicher Schuhe verknotete, zerriss oder zerbiss.
In seiner Wut machte er auch vor Pferden nicht Halt, und auch der ein oder andere Achsbruch soll auf sein Konto gehen. Am haarsträubendsten sind aber die Berichte von arglosen Wanderern, die davon berichten, wie der Unhold ihnen in zwielichtigen Nebelnächten aufgelauert hat, um ihnen die Beine zu brechen.
Ihr merkt schon, der frustrierte Geist möchte uns das Fortkommen so unangenehm wie möglich machen. Und so verwundert es nicht, dass im Süden Islands bei einem blöden Knoten in den Schnürsenkeln, wenn einem die Pferde durchgehen, wenn der Wagen mall wieder einen Platten hat oder mit leerer Batterie dasteht, gerne gesagt wird: „Da hat Móri mir wohl einen Streich gespielt.“

[Bild: 36990361rb.jpeg]

Und wenn ihr heute noch für die Tür müsst, geht nicht allein – denn Móri treibt bis heute sein Unwesen …
Happy Hallóvín und schon mal ganz viel Vorfreude auf die kommenden zwei Wochen (hä hä hä hä hä)
Glukáf, Helge
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#8
(15.10.2019, 18:53)Soulfari schrieb: Bei mir ging zwar mit dem Link eine Seite auf, aber damit kann ich auch nicht viel anfangen... Huh

... da geht's auch nur um das Wiki Commons Copyright von dem "Parental Advisory" Schildchen.
Glukáf, Helge
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#9
Island ist doch ein unsicheres Pflaster. Nach Einbruch der Dunkelheit muss man darauf achten, dass einen der Nachttroll nicht erwischt. Ständig muss man aufpassen den Elfen nicht zu nahe zu treten – die rächen sich gerne fürchterlich. Und egal in welche Ecke man sich verzieht, überall lauern Geister und Gespenster. Nachdem wir ja schon Móri aus Selfoss kennen, schauen wir jetzt mal was der Norden noch so alles zu bieten hat. Wer schwache Nerven hat, hält sich jetzt bitte Augen und Ohren zu.
Wenn man auf der Hörgárbraut aus Akureyri Richtung Westen rausfährt, verläuft die Strecke eine ganze Weile malerisch durch das Tal der Hörgá am Fluss entlang. Kurz bevor die Flüsse Bægisá und Öxnadalsá in die Hörgá einmünden kann man die Ringstraße verlassen und ins Hörgádal abbiegen. Einer der Höfe dort ist der Hof Myrká und dort lebte einst
der Diakon zu Myrká.
 
[Bild: 37106126zb.jpg]
 
Der hatte ein Auge auf die schöne Guðrún geworfen. Die wiederrum lebte und arbeitete auf dem Hof Bægisá, auf der anderen Seite der Hörgá. Eines Winters, kurz vor Weihnachten, ritt der Diakon über den Fluss zum Hof Bægisá um Guðrún für den Heiligen Abend zu sich nach Myrká einzuladen. Guðrún freute das sehr und sie verabredeten, dass er sie an dem Abend abholen würde. Auf dem Rückweg aber, brach die Schneebrücke über die der Diakon gekommen war unter ihm und seinem Pferd Faxi ein. Er stürzte in den von Eisschollen bedeckten Fluss. Am nächsten Morgen sah ein Bauer eines Nachbarhofs ein Pferd am Ufer stehen und erkannte, dass es Faxi war. Als er nach dem Tier schauen wollte entdeckte er dann am Ufer den toten Diakon. Offensichtlich hatte er sich beim Sturz, oder später durch eine Eisscholle, einen Schädelbruch zugezogen. Der Diakon wurde als bald auf Myrká beigesetzt. Da das Wetter so schlecht war, es taute und die Flüsse schwollen an, konnte die Nachricht vom Tod des Diakons Guðrún auf Bægisá vor Weihnachten nicht erreichen, und so machte diese sich Heilig Abend zur verabredeten Zeit fertig. Sie ließ sich grade die Haare zurecht machen, als es klopfte. Das andere Mädchen ging zur Tür, konnte aber niemanden sehen. Guðrún glaubte an einen Scherz des Diakons und beeilte sich vor die Tür zu kommen. In der Eile zog sie aber ihren Mantel nicht richtig an, sondern warf ihn sich nur über. Vor der Tür sah sie dann Faxi und die Gestalt, die im dunklen daneben stand, konnte ja nur der Diakon sein. Allerdings war er mit seinem breitkrempigen Hut und dem dicken Schal kaum zu erkennen.

[Bild: Dj%C3%A1kninn_%C3%A1_Myrk%C3%A1.jpg]
Théodore‬ Meyer-Heine [Public domain]. Wikimedia, Creative Commons.
 
Guðrún stieg also hinter dem Diakon aufs Pferd und der Ritt durch die mondhelle Nacht ging los. Auf dem Weg über die Hörgá aber, blies der Wind den Schal des Diakons nach oben, und Guðrún sah das riesige Loch im Schädel des Reiters. Wie sie so durch den Mondschein ritten sagte der Diakon „Der Mond geleitet, der Tod reitet. Siehst du keinen weißen Fleck auf meinem Hinterkopf, Garún, Garún?“ Sie antwortete: „Ich sehe es so, wie es ist.“ Die beiden sprechen erst wieder miteinander, als sie in Myrká angekommen sind und der Diakon vom Pferd steigt. Da sagt er „Warte Garún, Garún, während ich Faxi, Faxi, in das Gatter, Gatter, bringe.“
Da wird Guðrún eines offenen Grabes auf dem Friedhof gewahr und will grade die Friedhofsglocke läuten um Hilfe herbei zu holen, als der Diakon versuchte sie von hinten zu packen und mit sich in sein kaltes Grab zu reißen. Gott sei Dank erwischte er sie nur am Mantel, und da sie den ja nicht richtig übergezogen hatte, fiel der Diakon in inniger Umarmung mit ihrem Mantel anstatt mit ihr ins Grab und das Grab schloss sich wie von Geisterhand. Als ob dieser ganze Horror nicht reichen würde, verfolgte der Geist des Diakons die arme Guðrún des Nachts auch in den kommenden Wochen so sehr, dass selbst ihre Mitbewohner auf Bægisá keinen Schlaf mehr finden konnten. Es blieb also nichts weiter übrig als sich einem zauberkundigen Geistlichen aus dem Skagafjörður anzuvertrauen, der sich dann mit einem feinen kleinen Exorzismus des unruhigen Geistes angenommen hat. Mit mächtigen Zaubersprüchen bannte er den Wiedergänger in die Erde und lies einen großen Felsbrocken über die Stelle rollen. Danach war Ruhe im Hörgádal. Die arme Guðrún aber hat sich Zeitlebens von diesem schockierenden Ereignis nicht mehr erholen können.
 

 
Die Geschichte wurde von Konrad Maurer nach mündlicher Erzählung aufgeschrieben und in Deutschland publiziert bevor sie 1862 zum ersten Mal auf Isländisch (in Jón Árnasons Isländische Volkssagen und Abenteuern) erschien.
 

 
 
Und wer von euch sich jetzt noch fragt, warum der Geist Guðrúns Namen falsch ausgesprochen hat; das liegt daran, dass Geister und andre Wesen aus der Zwischenwelt Gottes Namen nicht aussprechen. Und das Guð in Guðrún bedeutet Gott.
Der Felsbrocken unter dem der Diakon seine letzte Ruhestätte gefunden hat liegt bis heute noch an derselben Stelle. Manchmal, in der Nacht vor Allerheiligen aber, wenn die Geister die Menschen besuchen, soll ein dunkles Grollen vom Stein zu hören sein. Und so mancher, der in so einer Nacht dort in der Nähe war, schwört Stein und Bein gesehen zu haben, dass der Felsbrocken sich bewegt.
 
In diesem Sinne - Gottes Segen, und lasst euch ‪heute Nacht‬ nicht von Gestalten chauffieren, die ihr nicht kennt.
 
Happy Hallóvín
Glukáf, Helge
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#10
Danke lieber Helge für deine schönen Gruselgeschichten aus Island  islandwinke
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