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Unholde, Elfen, Geister und Trolle
#21
Mach es dir gemütlich und pass auf, ich erzähle dir jetzt mal eine Geschichte aus Island. Aus Strandir. Das liegt so weit oben im Norden, da kippt die Landkarte eigentlich schon nach hinten um.
Da lebte ein Mann namens Guðmundur. Ein Name wie ein Möbelstück von Ikea, das man ohne Anleitung aufbauen muss und am Ende bleiben drei Schrauben übrig. Guðmundur wohnte auf einem Hof namens Brunngil. Das klingt romantisch, ist im Grunde aber auch nur ein Haufen Steine mit Moos drauf und sehr viel kaltem Wind. Jetzt hieß es im Dorf immer: „Mensch, Guðmundur, geh nicht ins Tal südlich vom Bitrufjarðarbotn“ – ja, das heißt wirklich so, frag mich bitte nicht, ich habe mir beim Aussprechen gerade drei Muskeln im Unterkiefer gezerrt – „da wohnt nämlich eine Trollfrau.“
Guðmundur dachte sich aber: „Hömma, Trollfrau? Am Arsch. Ich glaub ja auch nicht an den Osterhasen oder an pünktliche Züge.“ Der Mann war Pragmatiker. Der ging da jeden Tag hin, um Flechten zu sammeln. Flechten! Das musst du dir mal vorstellen. Das ist die isländische Definition von Extremsport: stundenlang im Nebel stehen und Algen von Steinen kratzen. Ein Riesenspaß für die ganze Familie.
Es kam, wie es kommen musste. Ein warmer Herbsttag. Also, was man in Island halt „warm“ nennt. Sagen wir: knapp über dem Gefrierpunkt, aber der Nebel war so dicht, dass du die eigene Hand vor Augen nicht gesehen hast. Ideales Flechtenwetter. Guðmundur schrubbt also den ganzen Tag die Steine blank, packt seinen Sack voll und trottet abends gemütlich nach Hause.
Er geht so eine Stunde, da merkt er: Moment mal. Hinter ihm wird das Licht dunkler. Und es riecht plötzlich nach feuchtem Hund und jahrhundertelang ungewaschenen Achselhöhlen. Er dreht sich um. Was sieht er? Eine Riesin. Eine stämmige, monumentale Frau von der Statur eines mittleren Kleiderschranks aus massivem Eichenholz. Und die folgt ihm. Nicht subtil, sondern mit Schritten, die das Epizentrum eines mittelschweren Erdbebens vermuten ließen.
Guðmundur, der alte Flechten-Sherlock, merkt sofort: „Die will jetzt eher kein Autogramm.“ Er beschleunigt den Schritt. Da donnert es von hinten mit einer Stimme, die klang wie zwei tektonische Platten, die aufeinandermahlen: „Hast du’s etwa eilig, mein Kleiner?“
Mein Kleiner. In dem Moment rutschte Guðmundurs Herz nicht nur in die Hose, sondern passierte glatt die Socken und schlug im Erdboden ein. Der Mann rannte. Er nahm die Beine in die Hand, was bei der isländischen Witterung auf nassen Steinen ohnehin ein Himmelfahrtskommando ist. Er schaut über die Schulter – das Riesenweib holt auf. Gewaltige Schritte. Die war quasi schon auf Schlagdistanz.
Jetzt ist guter Rat teuer. Wenn dich eine dreieinhalb Meter große Trollfrau im Nebel fressen will, hilft dir kein Volkshochschulkurs in gewaltfreier Kommunikation. Da brauchst du eine List. Ein Geniestreich des absoluten Wahnsinns.
Was macht Guðmundur? Er fummelt sich im vollen Sprint – und das erfordert eine motorische Koordination, vor der ich den Hut ziehe – den Hosenknopf auf. Die Riesin ist fast an ihm dran, er spürt schon ihren Atem im Nacken, der vermutlich nach verrottetem Walfisch roch. Plötzlich: Vollbremsung. Guðmundur dreht sich um, macht den großen Vorhang auf und lässt die Buchse komplett runter. Blanker Isländer im Nebel. Untenrum komplett schutzlos im Wind. Ein Textil gewordener Offenbarungseid.
Die Riesenfrau stoppt. Die Erschütterung hat wahrscheinlich in Reykjavik noch die Tassen im Schrank scheppern lassen. Sie starrt ihm zwischen die nackten Beine. Sie blickt in den Abgrund des nackten Grauens. Und was macht so eine jahrhundertealte, furchteinflößende Kreatur der Finsternis? Sie kriegt den absoluten Nervenzusammenbruch. Sie kreischt:
„Lümmel, Lümmel! Pfui, pfui!“
Ich meine, wie großartig ist das denn bitte? Die Frau bricht wahrscheinlich eigenhändig Bären das Genick, aber ein isländisches Gemächt im herbstlichen Gegenwind bringt ihr Weltbild komplett zum Einsturz. Sie dreht sich um und springt in die Berge davon, als hätte sie den Leibhaftigen gesehen. Wahrscheinlich macht sie heute noch eine Therapie.
Guðmundur hat sich dann ganz stoisch und in aller Würde die Hose wieder hochgezogen, hat den Hosenstall gerichtet und ist nach Hause gegangen. Er hat die Dame nie wiedergesehen.
Und die Moral von der Geschicht’? Seit diesem Tag bekommen die jungen Burschen in der Region Strandir von ihren Großvätern einen sehr exklusiven, lebensnahen Ratschlag mit auf den Weg: „Egal was passiert, Junge – wenn dich in den Bergen ein Troll angreift… mach einfach den Reißverschluss auf. Das regelt sich dann von selbst.“
Das ist gelebte Tradition.
Und was lernen wir daraus? Ganz ehrlich: Solltest du mich irgendwann mal im isländischen Hochland treffen – einsam, zitternd und im dichten Nebel – und ich lasse vor dir plötzlich die Hosen runter… dann sei bitte nicht überrascht. Ich halte dich dann nicht für attraktiv, ich habe in dem Moment einfach nur panische Angst, dass du eine Trollfrau bist. Das ist reine Prävention. Ein reiner Schutzreflex meinerseits, verstehst du?
In diesem Sinne: Ich wünsche dir ein fantastisches, maximal entspanntes und ordentlich gruseliges Halloween-Wochenende.
Mein ganz persönlicher Rat für diese Tage und vor allem für diese verdammt nebeligen Nächte draußen: Bleib einfach verdammt noch mal zu Hause. Auf dem Sofa. Mit einer Decke, die bis zum Kinn reicht, und einer großen Schüssel Süßigkeiten. Das ist gemütlicher, es zieht nicht so im Schritt und die Wahrscheinlichkeit, dass dir ein Troll das Flechten-Sammeln vermiest, geht gegen null.
Macht's gut, bleibt gesund und lasst die Buchsen oben. Tschüss und vielen Dank fürs lesen.

[Bild: 51442827zh.jpeg]
Glukáf, Helge
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RE: Unholde, Elfen, Geister und Trolle - von Furtenschisser - 30.10.2026, 19:24

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